Pathos ist kein griechischer Käse: Der nackte Wahnsinn

Beitragsbild: Björn Hickmann / Stage Pictures

Treffen sich eine geistersehende Finanzbeamtin, ein Steuerflüchtling, ein Scheich und ein schwerhöriger Einbrecher mit Alkoholproblem in einem Landhaus. So oder so ähnlich könnte ein Witz beginnen, der eine vollkommen abstruse Pointe mit sich zieht, über die am Ende nur diejenigen lachen, die den wirklich flachen Humor für sich entdeckt haben.

Bevor wir allerdings auf den Witz eingehen und erzählen, was dieser mit dem gestern im Rheinischen Landestheater Neuss gesehenen Stück zu tun hat, hier eine kleine Warnung: Es wird kompliziert. Der Leser muss aufmerksam sein beim Lesen. Denn bei Michael Frayns Der nackte Wahnsinn, oder Noises Off, wie es im englischen Original heißt, handelt es sich um ein Stück im Stück, um eine Schachtelgeschichte, wie es die deutsche Literaturwissenschaft nennt. Wir als Zuschauer sehen einen Dreiakter, welcher eine Truppe Schauspieler, ihren Regisseur, ihren Inspizienten und die Regieassistentin zeigt, welche wiederum selber ein Stück mit dem Titel Nackte Tatsachen inszenieren. Jeder Akt von Der nackte Wahnsinn handelt von einem eigenen Entwicklungsstadium des Stückes Nackte Tatsachen, von welchem jeweils immer nur der erste Akt gezeigt wird. Zuerst werden wir Zeuge der Generalprobe, der zweite Akt zeigt uns eine Aufführung von Nackte Tatsachen jedoch aus Backstage-Sicht und der dritte Akt zeigt die letzte Vorstellung von Nackte Tatsachen, nun wieder von vorne. Sollte der Leser nun noch die Stirn kräuseln und sich nachdenklich über das Kinn streichen, ist dies vollkommen nachvollziehbar. Im Laufe des Textes kommt Klarheit. Versprochen.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Pictures

Schauspieler. Ein wahnsinnig interessanter Beruf. Immer, wenn man Schauspieler sieht, sind sie umgeben von einer gewissen Aura der Erhabenheit. Sie drücken sich immer gepflegt aus, gucken manchmal ganz ernst, obwohl sie sehr locker sind und dennoch irgendwie nie so ganz zu durchblicken. Das hat sich sicherlich auch Michael Frayn gedacht und ihnen und generell dem ganzen Theater mit seiner Komödie Der nackte Wahnsinn ein Denkmal gesetzt. Wenn wir Schauspieler als Theaterpublikum auf der Bühne sehen, wie sie sich nach dem Stück verbeugen, verbinden wir sie immer noch ein bisschen mit der Rolle, die sie soeben gespielt haben. Wenn der Vorhang fällt, dann gehen sie in die Garderobe, legen das Kostüm ab, befreien sich von Theaterschminke, wünschen den Kollegen einen schönen Feierabend und gehen nach Hause. Ein ganz normaler Beruf also? Vielleicht. Aber nicht in der Karikatur von Frayn.

Die Bühne besteht aus einer riesigen Kulisse, die reduziert den Handlungsort darstellen soll: Ein Landhaus mit zwei Etagen und vielen Türen. Hier im RLT sind es sieben Türen sowie ein weiterer Vorhang, der zu einer Abstellkammer führt. Beide Etagen sind verbunden durch eine Treppe, die wiederum durch eine kleine Zwischenebene durchbrochen wird, in welche ebenfalls noch eine Tür verbaut ist. Auf der unteren Ebene steht ein schlichtes Sofa mit einem kleinen Beistelltisch, etwas weiter weg ein alter Fernseher. Hinter dem Sofa befindet sich ein großes Fenster, das – worauf wir später zu sprechen kommen – auch eine wichtige Rolle in der Inszenierung spielt. Neben der Landhaus-Kulisse noch ein kleines Schiebepult mit PC-Monitor, der Arbeitsplatz des Inspizienten und der Regieassistenz, nicht vergessen, es werden mehrere Ebenen bespielt.

Das Stück beginnt, wir steigen direkt ein in Nackte Tatsachen. Haushälterin Mrs. Clackett betritt die Bühne, das Telefon klingelt. Wir werden in die Handlung eingeführt, die sich kurz so zusammenfassen lässt, dass in einem Landhaus die unterschiedlichsten Figuren aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus zusammen kommen und an- oder ineinander geraten. Kleiner Wortwitz. Da wären neben Mrs. Clackett Roger, ein Immobilienmakler, die Steuerbeamtin Vicki, die sich an Roger heranmachen will, Philip, der mit seiner Frau Flavia vor ebendieser Steuerbehörde flieht, ein alter, siebzigjähriger Einbrecher, der ständig feststellt, dass früher doch alles besser war und ein Scheich, der interessiert daran ist, das Landhaus zu mieten. Die Handlung des Binnenstückes soll für diese Besprechung nicht von Belang sein. Der Leser hat bestimmt schon selbst gemerkt, dass die Zusammenkunft der oben beschriebenen Figuren nur auf ein amüsantes Abenteuer hinauslaufen kann. Besonders dann, wenn die Schauspieler die Farce Nackte Tatsachen so spielen, wie dies das Ensemble des RLT macht: vollkommen übertrieben, mit brutalem Pathos, übertriebenen Bewegungen und so schrill, wie sonst noch in keiner Inszenierung gesehen.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Pictures

Bei den Kostümen von Nackte Tatsachen hat sich Kostümbildnerin Britta Lammers an den Achtzigerjahren orientiert, nahezu alle Spieler sehen aus wie die früheren Versionen von Thomas Anders, Dieter Bohlen oder Nena. Vielleicht eine Hommage an die Achtziger, vielleicht ein Hinweis darauf, dass das Stück 1982 uraufgeführt wurde. Aber auf jeden Fall bunt, so, wie das Stück selbst. Auch die Titelmelodie, mit der Nackte Tatsachen startet ist eine adaptierte Version der Titelmelodie von Dallas. Alles passt zusammen, all das zu sehen macht Spaß.

Doch schon sehr schnell werden wir Zuschauer aus diesem Spaß herausgerissen. „Stopp!“, brüllt es aus dem Auditorium, das Saallicht wird hochgefahren. Da steht der schöngeföhnte Regisseur des Stückes Nackte Tatsachen, Lloyd Dallas, gespielt von Richard Lingscheidt. Wir fragen uns, ob die Titelmelodie des Stückes auf seinen Namen zurückgeht.  Er unterbricht die Probe, welcher wir gerade zusehen. Er ist gereizt. Die Anweisungen gibt er meist aus dem Auditorium, wenn er die Bühne betritt, dreht er dem Publikum dem Rücken zu. Wir sollen uns bestimmt mit ihm identifizieren. Mit seinen Sorgen und dem Stress, den er hat, die Probe erfolgreich zu beenden.  Dotty, die Schauspielerin, die Mrs. Clackett spielt, wiederum gespielt von Hergard Engert, hat einen Fehler gemacht. Sie kommt nicht ganz klar mit dem Teller Sardinen und der Zeitung und dem Telefonhörer, hat vergessen, was sie wann wohin zu befördern hat. Lloyd weist sie freundlich auf die Regie hin, dennoch merken wir: er ist angespannt, denn bald ist Premiere. Auch die anderen Schauspieler sind alles andere als perfekt vorbereitet. So hat beispielsweise Garry Lejeune, der Roger spielt (Philipp Alfons Heitmann) ständig etwas an der Regiearbeit Lloyds auszusetzen oder Frederick Fellowes, im Stück Philip (Stefan Schleue), hat irgendwie immer Probleme mit Handlungsabläufen, was ihn schnell überfordert und dann zu Nasenbluten und Ohnmacht führt, wobei ihm die seine Ehefrau mimende Belinda Blair (Juliane Pempelfort) auch nicht wirklich helfen kann. Der Sinn Philips englischen Akzents, der uns sehr an King Julien aus dem Franchise der Madagascar-Animationsfilmreihe erinnert, erschließt sich uns nicht, was der Rolle aber auch keinen Abbruch tut, sondern sie irgendwie noch liebenswerter macht.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Pictures

Die Darstellung des ersten Aktes entwickelt sich zu einem großen Spaß für das Publikum, auch, wenn wir feststellen müssen, dass dieses sich erst einmal mit dem Humor des Stückes akklimatisieren muss, die Lacher werden aber im Laufe des Stückes intensiver, manchmal sogar Zwischenapplaus. Die Schauspieler – also die echten jetzt – geben sich aber auch größte Mühe, ihre Rollen und die Rollen dieser Rollen so karikiert wie möglich darzustellen. Herausragend in dieser Hinsicht ist Philipp Alfons Heitmann, der seinen Rollen einen sehr bipolaren Touch verpasst: Als Garry wirkt er genervt von Regisseur Lloyd, fetzt sich bereits zu Beginn heftig mit ihm,  stellt die klassische männliche Diva dar, die es im Theater ja auch geben soll. Als Roger aber wird jeder Satz, jede Bewegung von ihm zum großen Lacher. Fast schon zum Ohrwurm avancierte seine Art, Philip, den er zuerst für einen Triebtäter hält, zu beschreiben als „Ex – (Pause) – hibitionist.“ Brooke Ashton, die Vicki spielt (Johanna Freyja Iacono-Sembritzki) untermalt diesen Pathos noch mit konfusen tänzerischen Bewegungen und künstlich viel zu tief gesprochener Stimme.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Pictures

Zum heimlichen Publikumsliebling entwickelt sich schnell Selsdon Mowbray (Joachim Berger), der den Einbrecher spielt. Beim Kostüm sticht er etwas heraus, trägt mehr als klischeemäßig den Panzerknacker, die Sträflingsnummer 176-671 steht für „Bankjob Knack“, den stärksten Panzerknacker mit großem Kinn und Anführercharakter. Selsdon aber hat ein schlechtes Gehör, ein Alkoholproblem und ist ständig verschwunden. So auch zu seinem nahenden Einsatz in der Generalprobe. Als er sich dann, wenn ihn bereits alle suchen, langsam durch das Auditorium des Schauspielhauses der Bühne nähert, wird seine Rolle eigentlich schon von allen ins Herz geschlossen. Mit stoischer Gelassenheit begegnet Selsdon dem Stress der Probe, scheint auch nicht sonderlich viel vom Textlernen zu halten, verpatzt seine Einsätze, kommt mal zu früh oder braucht Unterstützung von Regieassistentin Poppy, gespielt von Alina Wolff. Diese wirkt generell, so wie auch Inspizient Tim (Pablo Guaneme Pinilla) wie das gute Herz der Produktion, versucht immer überall zu sein, mal als Hilfe beim Kostümwechsel, mal mit Regiebuch als Souffleuse.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Pictures

Es ist kaum in Worte zu fassen, was der Zuschauer innerhalb dieser 2,5 Stunden Spieldauer alles zu sehen bekommt. Besonders brisant wird es im zweiten Akt. Hier hat sich die Kulisse auf der Bühne nun herumgedreht, Nackte Tatsachen wird nun tatsächlich aufgeführt. Hinter der Bühne sieht alles weniger elegant aus. Wir blicken auf Sperrholzplatten, ein lieblos geschmiedetes Gerüst, verziert mit Postern von der Baywatch-Version von Pamela Anderson oder Rocky Balboa. Rotes Flatterband ist um die Geländer gewickelt, die Requisiten liegen an der Rampe aufgereiht, bereit zum Einsatz. Es ist halt nicht alles Gold, was glänzt. Das hat Shakespeare mal geschrieben. Wir Zuschauer werden Zeuge der Geschehnisse hinter der Bühne, das Stück selber wird aber auch gespielt. Dies können wir nun sehen durch das zentrale Fenster. Die Schauspieler treten auf die „Bühne“ und spielen dort ihre Rollen vor einem fiktiven Publikum, dessen Gelächter oder Applaus wir manchmal aus den Boxen hören. Omnipräsent während des zweiten Aktes ist das rot aufleuchtende Ruhe-Schild hinter der Bühne. Das Schild ist quasi Programm des zweiten Aktes. Denn während auf der Bühne gespielt wird, muss hinter der Bühne Ruhe herrschen. Und so bietet der zweite Akt sehr viel Raum für die lustigsten Slapstick-Einlagen. Überall, wo Männer und Frauen zusammenkommen, verguckt sich früher oder später der eine in die andere. Und so auch im Ensemble von Nackte Tatsachen. Parallel zu den Eifersuchtsszenen hinter der Bühne dürfen die Spieler aber auch ihre Einsätze auf der Bühne nicht vergessen. Und so geben sich dynamische und lustige Slapstick-Elemente die Klinke in die Hand mit schnellen Wechseln auf die Bühne und wieder zurück. Besonderes Schmankerl ist das in der Mitte thronende Fenster, unter welchem die Schauspieler beim Seitenwechsel immer vorbeirobben müssen, wenn sie vom imaginären Publikum nicht gesehen werden wollen.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Pictures

Die Fehden, die sich unter den Darstellern entwickeln sind Gift für das Ensemble. Das bemerken wir spätestens im dritten Akt. Zu Beginn sehen wir Techniker Tim, der das Publikum bei geschlossenem Vorhang begrüßt und am liebsten mit diesem verschmelzen zu wollen scheint. Nervös entschuldigt er sich für die Verspätung des Vorstellungsbeginns. Hierbei hören wir im Hintergrund hasserfülltes Geschrei und Gerumpel. Im zweiten Akt haben wir gelernt: Die Harmonie in der Gruppe ist verloren gegangen. Doch müssen die Profis die Tournee zu Ende bringen. Und so sehen wir den ersten Akt von Nackte Tatsachen ein drittes Mal, jedoch ein drittes Mal wieder ganz anders. Der Vorhang geht auf, die Kulisse ist wieder herumgedreht, wir sehen das Stück nun wieder „von vorne“. Die Handlungsabläufe sind bekannt, jedoch ist alles anders. In der Kulisse ist Chaos ausgebrochen. Überall liegt Müll herum. Die Türen sind nun ebenfalls beklebt mit Postern aus den Achtzigerjahren. Wenn wir uns nicht täuschen, erblicken wir auch eine alte Werbung von Drei Wetter Taft.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Pictures

Der dritte Akt ist Anarchie. Nichts läuft mehr, wie es einst geprobt wurde. Jedoch gilt die alte Schauspielregel: Wenn auf der Bühne ein Fehler passiert, mach den Fehler groß. Mach das Publikum glauben, dass es gar keinen Fehler gibt, dass alles dazu gehört. Das geht häufig gut, sicherlich, sind wir als Zuschauer auch schon häufig auf diesen alten Trick der Improvisation hereingefallen. Aber gerade das macht das Theater ja besonders. Diese Unmittelbarkeit. Diese Nähe. Und trotzdem: Retten kann Nackte Tatsachen hier sicherlich keiner mehr. Und gerade das konnten alle genießen: Die Schauspieler, die einfach mal ausrasten können, sowie die Zuschauer, die wissen, dass es sich hierbei um ein „gespieltes“ Stück handelt, sich also keine Sorgen machen müssen, dass sie sich hier gerade eine echte Misere ansehen müssen. Das erleichtert. Hierdurch können wir uns in die Sitze zurücklehnen und einfach lachen. Und so nimmt die Katastrophe ihren Lauf, das waren zweieinhalb Stunden nackter Wahnsinn.

Als die Einladung zur Premiere Der nackte Wahnsinn im Postfach landete, war sofort klar: dieses Theaterstück ist ein Muss. Wenn es richtig gespielt wird, ist Frayns Dauerbrenner einfach nur jeden Cent und jede investierte Minute wert. Nicht jedes Theaterstück von dieser Länge erfreut sich dieser großen Beliebtheit. Der nackte Wahnsinn allerdings besticht durch seine Dynamik, seine Pointiertheit, seine Präzision und sein Timing. Das Schauspielerteam um Regisseurin Antje Thoms muss für dieses Stück funktionieren. Und zwar wortwörtlich. Wie ein Uhrwerk. Bereits die Lektüre des Originaltexts ist etwas Besonderes. Die Wechsel zwischen den verschiedenen Ebenen des Stückes Der nackte Wahnsinn selbst sowie des Binnenstückes Nackte Tatsachen wird in der Printversion durch Kästen um den Text dargestellt, im zweiten Akt werden Regie und Text auf der Bühne sogar parallel gedruckt zu Regie und Handlung hinter der Bühne. Das muss man erst einmal durchblicken. Und dann umsetzen. Keine Minute des Stückes ist öde. Es gibt immer etwas zu sehen. Schwierig wird das speziell im zweiten Akt, es geschieht so viel, das kann das Auge alles gar nicht so schnell wahrnehmen. Das Publikum lacht und wir verstehen nicht, warum, wir haben im falschen Moment in die falsche Richtung gesehen, sind verwundert, warum Dotty Lloyd plötzlich Kaktusnadeln aus dem Hintern zieht. Und das, ja: Die heruntergelassenen Hosen! Ein Dauerbrenner. Nackte Tatsachen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Stört nicht. Gehört dazu. Ist lustig! Hiermit attestieren wir den Schauspielern ebenfalls überzeugende Leistungen im Bereich des physischen Theaters. Wie sonst wären die ganzen Slapstick-Momente, die das Stück tragen, so sehr gelungen?

Auszug aus dem Originalskript, Michael Frayn (1982), Zeigt die chronologisch parallel ablaufenden Handlungen hinter und auf der Bühne im zweiten Akt.

Man kritisiert unsere Texte manchmal damit, dass wir viel zu nett sind, nur loben, nicht meckern. Aber wenn es nichts zu Moppern gibt, dann ist das so. Wir könnten kleinlich werden und uns fragen, wieso das Pult des Inspizienten, das zu Beginn rechts steht, im zweiten Akt nicht mit gedreht hat, spiegelverkehrt, nun nicht auf der linken Seite steht. Wir könnten sagen, die Charaktere aus Nackte Tatsachen waren zu übertrieben gespielt, dass es schon fast nervte. Wir könnten uns fragen, welchen Sinn die lärmende Nebelmaschine haben soll, die am Ende nur eine kaum wahrnehmbare Wolke hinter der Kulisse erzeugt hat. All das sind Aussagen, die wir in der Pause oder nach der Aufführung bei einigen überkritischen Zuschauern, eben päpstlicher als der Papst, im Gespräch mithörten. Aber dies unterstreicht einfach nicht unsere Lesart dieses Stückes. Wir stören uns nicht an Kleinigkeiten wie einem Tisch, der halt da stehen muss, weil es – was Auf- und Abgänge angeht – sicher einfach logistisch praktischer ist. Wir hatten enormen Spaß bei den Übertreibungen der Rollen und hätten uns davon noch mehr gewünscht und vermuten, das mit der Nebelmaschine hätte anders laufen sollen. Shit happens. Wir weisen darauf hin, dass die Spieler zweieinhalb Stunden – zwar mit einer kleinen Pause, aber dennoch – mit 110% Energie performt haben ohne durchzuhängen um am Ende noch mal 10% mehr zu geben. Wir sind begeistert, dass das RLT es geschafft hat, ein Stück, das eigentlich auf einer Drehbühne gespielt werden muss, auf die heimischen Verhältnisse anzupassen und eine selbst drehbare Kulisse zu schaffen, und so dem Text von Michael Frayn gänzlich gerecht wird. Ein flammendes Plädoyer. Das muss auch mal sein!

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Foto: Björn Hickmann / Stage Pictures

Am Ende betont Dramaturg Reinar Ortmann bei der Premierenfeier, das Stück sei eine Metapher auf das Leben. Hier müssen wir manchmal auch Dinge gegen viele Widernisse durchstehen, die Zähne zusammenbeißen und kämpfen, um unser Ziel zu erreichen. Die Schauspieler des RLT haben das auf jeden Fall geschafft und holten sich sowohl nach der Aufführung selber als auch bei der Premierenfeier wohlverdienten minutenlangen Applaus ab. Und so schließen auch wir unsere Besprechung mit einem Zitat, das die Regieassistentin Poppy im Laufe des Stückes auf ihrem Oberteil trug: Don’t Look Back! Abgesehen davon, dass wir uns gerne an das gesehene Stück erinnern, bringt es nichts, in der Vergangenheit zu schwelgen und so Zeit verstreichen zu lassen um die Aufgaben, Probleme und Widerstände der Gegenwart anzupacken. In Der nackte Wahnsinn haben wir gelernt: Es führt zwar nicht immer zum idealen Ergebnis, aber der Kampf wird sich lohnen!

Wir empfehlen dringend den Besuch einer der weiteren Vorstellungen von Der nackte Wahnsinn. Zu sehen gibt es das Stück noch sieben weitere Male, genauere Termine und Informationen gibt es wie immer auf der Seite des Theaters. Wie immer freuen wir uns auch über regen Austausch mit den Lesern, die das Stück auch gesehen haben.

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