Half Past Selber Schuld. Making Puppentheater. Better.

Beitragsbild: Half Past Selber Schuld

Den Blick auf das Gesehene müssen wir dieses Mal von hinten beginnen um besonders hervorzuheben, was Half Past Selber Schuld eigentlich ist: Wir beginnen beim Schlussapplaus. Dort stehen acht Spieler in ihren schwarzen Ganzkörperanzügen und verbeugen sich. Die Anzüge samt das Gesicht vollkommen verschwinden lassende Kopfbedeckung sind nötig, denn bei der Arbeit von Half Past Selber Schuld stehen nicht die Schauspieler im Vordergrund, wortwörtlich nicht, sondern deren Puppen. Hierbei schlicht von Puppentheater zu sprechen, wäre allerdings weit verfehlt, denn die Gruppe hat etwas Neues erfunden: Den Bühnencomic.

Im Vordergrund stehen Figuren mit für das Ensemble charakteristischen Merkmalen: überproportionierte Körper, große Köpfe und Augen, über- oder unterstilisierte Gliedmaßen – Comicfiguren eben, die sich auf der Bühne bewegen, die Spieler selbst sind dank ihrer Anzüge und der Lichtverhältnisse kaum zu sehen. Und wenn man wirklich will, sieht man sie gar nicht.

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Half Past Selber Schuld, Kafka in Wonderland, Credit Krischan Ahlborn

Was aber macht Half Past Selber Schuld zu einer Theatergruppe, die mit Fug und Recht mit Abstand die RTL-Sendung Die Puppenstars gewonnen hat? Unabhängig davon, dass wir uns bei der Überinflation an Casting-Shows im deutschen Privatfernsehen, in denen halbgare Pseudoprominente sich selbst das Recht eingestehen, künstlerische Arbeit zu beurteilen (bei der einen Sendung mehr, bei der anderen weniger künstlerisch), nicht viel aus solchen Titeln machen, müssen wir beim Format Die Puppenstars und dessen Gewinner eine Ausnahme machen.

Was genau Half Past Selber Schuld allerdings so herausragend und konkurrenzlos macht, verdeutlichen wir am Beispiel des aktuellen Stücks Kafka in Wonderland.

In der Vorbereitung auf den gestrigen Abend haben wir versucht, uns an die Zeit unseres Deutsch-Abiturs zu erinnern. Bei Kafka ist da hängen geblieben, dass der in Prag geborene Schriftsteller eine schwierige Bindung zu seinem Vater hatte, unsere Deutschlehrerin ließ uns seine Briefe an den Vater herauf und herunter lesen, dass er bereits im Alter von 40 starb und dass seine Arbeiten, die zweifellos zur Weltliteratur gehören, so abgedreht sind, dass man der deutschen Sprache ein Adjektiv hinzufügte, das sich zuerst nur auf seine Werke selbst beziehen sollte, mittlerweile aber durch Wörterbücher wie dem Duden definiert wird als „auf rätselvolle Weise unheimlich, bedrohlich“.

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Half Past Selber Schuld, Kafka in Wonderland, Credit Krischan Ahlborn

Weiterhin haben wir uns beschäftigt mit Alice, die von Schriftsteller Lewis Carroll ins „Wonderland“ geschickt wird. Mit den vielen verrückten Charakteren, der Grinsekatze, Tweedledum und Tweedledee, dem Hutmacher schaffte der britische Schriftsteller eine Welt, in der wir uns als Kinder doch alle irgendwie gerne zurückgezogen hätten, auch, wenn Jabberwocky und Herzkönigin immer etwas gruselig waren. Eine Welt aber, die mit all ihren Metaphern und Bildern jede Realität getrost in den Schatten stellt.

Gerüstet mit diesem aufgefrischten Vorwissen über Literatur saßen wir nun in den Sesseln der FFT Kammerspiele in Düsseldorf um dann im Programmheft zu lesen, dass „der Titel eine werbetechnisch ausgeklügelte Mogelpackung ist! Wer Kafka erwartet, wird lediglich Kafkaeskes vorfinden. Wer Alice sucht, wird stattdessen den Konzern Wonderland incorporated antreffen.“ Hä? Wir erklären!

„There is only one thing for sure: death!”

Das ist eine Aussage, wie sie so eigentlich unkommentiert und unkritisiert stehen bleiben kann. Wir alle müssen früher oder später einmal den Löffel abgeben, ins Gras beißen, in die ewigen Jagdgründe eingehen. Es gibt so viele Euphemismen für den Tod, die Menschheit hat ihn schon immer gefürchtet, denn: mit dem Tod findet unser Leben ein Ende.

Nicht aber in der fiktiven Welt, die uns Half Past Selber Schuld in ihrem Stück Kafka in Wonderland präsentiert. Denn hier entwickelt Franz Wonderland, in seinem Unternehmen „Wonderland Incorporated“ Lösungen und Strategien, wie wir den Tod überwinden können. „Homo Sapiens, adieu, Homo Deus, herzlich willkommen“ heißt es ganz am Anfang. Wir werden gefragt: „Do you really think this is the end of evolution?”

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Half Past Selber Schuld, Kafka in Wonderland, Credit Krischan Ahlborn

Und so sind wir schnell im Thema. Erzählt wird collagenartig von der Arbeit, der Forschung und dem Angebot von „Wonderland Incorporated“. Wir bekommen Einblick in eine Welt, in der Technologie und Kommerz die wirkliche Macht über Leben und Tod haben und ein Gott wirklich nicht mehr nötig ist. Da gibt es beispielsweise die Cloud. Die kennen und nutzen wir schon. Wir laden Musik, Bilder oder Kontakte in die Cloud und können damit andere Geräte verbinden und die Medien dann ebenfalls nutzen, ohne sie lästig zu übertragen. „Wonderland Incorporated“ bietet die Cloud für das Bewusstsein: Einfach das Bewusstsein in die Cloud hochladen und nach dem Ableben weiterleben. Der Körper vegetiert dahin, der Geist lebt in der Cloud. Aber Vorsicht vor Discounter-Clouds: Die sind billig und können ein langweiliges Jenseits bieten. „An der Cloud zu sparen, heißt am falschen Ende zu sparen.“ Da dann lieber die christliche Wolke, in der uns Jesus höchstpersönlich begrüßt und in die man sowieso automatisch kommt, wenn man sein Leben lang Kirchensteuer bezahlt, obwohl man Atheist ist und nur vergessen hat, aus der Kirche auszutreten. Das hat aber auch etwas Gutes: Im christlichen Himmel wird den ganzen Tag gesungen und überhaupt fliegen alle auf dem Rücken von Flugdinosauriern. Das, so Jesus, ist der historischen Genauigkeit geschuldet, nach der diese Welt aufgebaut ist, denn christliche Wissenschaftler haben das erforscht, dass vor 5.000 Jahren Menschen und Dinosaurier Seit an Seit gelebt haben.

Ferner gibt es das Instant-Baby. Da ist der Name Programm. Choreografisch wird dargestellt, wie man sich an einem Terminal sein eigenes Baby zusammenstellen kann. Je mehr Eigenschaften wie beispielsweise körperliche Stärke oder Intelligenz es besitzt, desto teurer wird es natürlich. Wir erinnern uns an die seit neustem in vielen Filialen eines Fast-Food-Giganten aufgebauten Bestell-Terminals mit Touch. Das Instant-Baby fällt dann am Ende in den Einkaufswagen und muss dann nur noch in der intelligenten Mikrowelle aufgewärmt werden. Aber Obacht: Die Mikrowelle ist so intelligent, dass sie möglicherweise eine Sorgerechtsklage einreicht.

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Half Past Selber Schuld, Kafka in Wonderland, Credit Krischan Ahlborn

Und dann gibt es das aktuelle Forschungsprojekt von „Wonderland Incorporated“. Das künstliche Gewissen. Wir sehen die verschiedenen Versuchsschritte anhand einer Collage an sich entwickelnden Standbildern. Das erste Versuchskaninchen ist Michael, ein Mörder, dessen Gehirn komplex verdrahtet zu sein scheint, überall aus seinem Kopf kommen Kabel. Das zweite Versuchskaninchen ist, für den Wortwitz entschuldigen wir uns, ein Kaninchen. Michael bekommt ein Messer und eine Karotte überreicht und seine Aufgabe ist es, zu entscheiden, was er wie mit dem Kaninchen benutzt. Soviel sei gesagt: Die Collage an kurzen Sequenzen ist nichts für Kaninchenliebhaber.

Lieber Leser, Du hast sicherlich den einen oder anderen Absatz oben mehrmals lesen müssen oder Dich zumindest gefragt, was genau hier aus dem Ruder läuft. Ja, lieber Leser, das ist kafkaesk.

Wir könnten noch seitenweise weitere Eindrücke schildern, müssen uns da aber bremsen. Denn so sehr wir uns auch bemühen, das Gesehene in Worte zu fassen oder es mit einigen Fotos hier zu illustrieren, wir kommen nicht an das Erlebte und Gesehene aus Kafka in Wonderland heran und wollen das auch gar nicht versuchen. Und wir wollen das Erlebnis auch eigentlich gar nicht spoilern.

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Half Past Selber Schuld, Kafka in Wonderland, Credit Krischan Ahlborn

Alleine schon die musikalischen Elemente, der Gesang, die Choreografien waren einmalig und sorgten zusammen mit den Texten und jedem einzelnen Bild auf der Bühne für ein perfektes Großes und Ganzes, sodass wir uns vollkommen bedenkenlos äußern können: Die RTL-Jury hat in diesem Falle endlich mal ein wirklich wahres, künstlerisch hochwertiges Ensemble gewürdigt, an dessen Projekten wir uns auch in Zukunft sicherlich nicht satt sehen werden können.

Doch bleibt zum Schluss natürlich noch die Frage, die wir uns in diesem Bereich so gerne stellen: Was wollen die Künstler uns überhaupt sagen? Seit dem Englisch-Abitur ist klar: Es gibt Dystopien, was haben wir die Klassiker damals verschlungen: Orwell, Huxley, Bradbury, Atwood. Immer mit dieser Begeisterung, dass die dystopische Welt in den Romanen ja dankenswerterweise nur fiktiv ist. Eine Welt, die fern ab ist. Aber doch steckt in jeder Dystopie ein Funken Wahrheit. George Orwell schwebt sicherlich auf einer Wolke über London, schüttelt über die Kameras an der Bond-Street den Kopf, schnalzt mit der Zunge und denkt: „Ich hab’s euch doch gesagt!“

Half Past Selber Schuld reiht sich mit Kafka in Wonderland ein in eine Reihe von Dystopien, die wir heutzutage nur so um die Ohren gehauen bekommen. Wir wissen gar nicht mehr, mit welcher überstilisierten Warnung vor unserer Gesellschaft wir anfangen müssen. Die Popularität düsterer Zukunftsversionen nimmt zu. Nach der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA wanderten Werke wie 1984 oder The Hunger Games  urplötzlich wieder auf die Bestsellerliste. Dave Eggers präsentiert mit The Circle einen ganz frischen Streich, der uns eine Welt serviert, in der die mächtigen Internet-Konzerne wie Facebook, Google und Co. verschmelzen und zu einem Super-Internet-Konzern werden, dem Circle eben und liefert damit sogleich Stoff für die Filmindustrie, die den Roman mit Emma Watson und Tom Hanks verfilmt. Viel Gerede, und dennoch eine Frage: Braucht es eine weitere Dystopie?

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Half Past Selber Schuld, Kafka in Wonderland, Credit Krischan Ahlborn

Antwort: Mehr denn je! In einer Welt, in der einige ihrer Bewohner gedankenverloren gruseligen Populisten und Hetzern mit ihren oberflächlich-plakativen Forderungen „Wir-Sind-Das-Volk“-schreiend hinterherlaufen, kann es nicht genug Schüsse vor den Bug ebenjener Gesellschaft geben, die Gefahr läuft, sich etwas zu zerstören, was Generationen vor uns sich mit Blut, Schweiß und Tränen aufgebaut haben.

Es ist schon lange keine Dystopie mehr, dass wir vom Silicon Valley aus regiert werden. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine Verschwörungstheorie, ist Realität: Unsere Abhängigkeit von Smartphones, Clouds, Tablets, WLAN-fähigen Kühlschränken, technischen Assistentinnen, die wir „Siri“ oder „Alexa“ nennen, ist ein Faktum. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis diese Technologien sich auch mit tiefgründigeren, moralischen Fragen beschäftigen.

Dennoch sollte beruhigend festgestellt werden: Bis wir unser Bewusstsein in eine Cloud hochladen, damit wir nach dem Tod weiterleben, wird sicherlich noch etwas Zeit vergehen. Laut Half Past Selber Schuld noch ein paar Jahrzehnte. Aber – und das lässt uns besser schlafen – muss man Kafka in Wonderland als Augenzwinkern verstehen. Subtiler Humor, den wir nicht immer so ganz ernst nehmen müssen, der aber trotzdem seine Botschaft trägt.

Wenn diese Besprechung genauso kafkaesk wirkt, wie das besprochene Stück, entschuldigen wir uns dafür. Sicherlich haben wir selber die Eindrücke noch nicht ganz verarbeitet, müssen immer noch über einige Bilder und Texte nachdenken. Würden das Stück gerne noch einmal sehen. Und hier liegt der Hund begraben: Das ist vorerst nicht möglich. An diesem Wochenende feierte das Stück Kafka in Wonderland seine Dernière. Das FFT Düsseldorf hat allerdings schleunigst auf die enorme Nachfrage reagiert und konnte bereits jetzt verkünden, dass es Ende November oder Anfang Dezember zu einer Wiederaufnahme des Stückes kommt. Daher empfehlen wir jedem, dem wir nur einen leichten Hauch an Interesse an Half Past Selber Schuld haben einflößen können, die Internetpräsenzen der Gruppe und des Theaters im Auge zu behalten, denn Kafka in Wonderland ist einfach ein Genuss. Für jeden. Immer!

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