Die Gerechtigkeit macht Ferien: Die Physiker

Beitragsbild: Björn Hickmann/Stage Picture

Physik haben wir in der Schule nie verstanden. Das wurde auch, sobald dies möglich war, abgewählt. Genauso wie Chemie. Dafür waren wir irgendwie nie geboren. Sobald aber Friedrich Dürrenmatt daherkommt und eine Komödie schreibt, die er Die Physiker nennt, horchen wir auf. Und wenn dann auch noch das Rheinische Landestheater in Neuss dieses Stück in den Spielplan aufnimmt, dann kommen wir natürlich vorbei und gucken. Am vergangenen Samstag feierte die Inszenierung von Reinar Ortmann Premiere, zeitlich verhindert schafften wir es erst gestern zur Nachmittagsvorstellung und wollen nun unsere Eindrücke schnell nachliefern.

Auf den ersten Blick ist Dürrenmatts Stück aus dem Jahr 1962 (mit einer Neufassung von 1980) recht simpel gehalten. Und ausnahmsweise fassen wir uns bei der Inhaltsangabe nun wirklich kurz. Also vergleichsweise: Handlungsort ist eine psychiatrische Klinik, in der drei Physiker einsitzen, die sich anscheinend für berühmte Vorbilder halten: Herbert Georg Beutler hält sich für Isaak Newton, Ernst Heinrich Ernesti, denkt, er sei Albert Einstein und Johann Wilhelm Möbius denkt erstmal nicht, er sei jemand anderes, doch die Ähnlichkeit seines Namens zum deutschen Mathematiker August Ferdinand Möbius ist doch nicht wirklich von der Hand zu weisen und, ach ja, ihm erscheint der Geist des Königs Salomo. Nachdem alle drei Physiker jeweils eine Krankenschwester ermordet haben, treffen sie, auch ihm Rahmen polizeilicher Ermittlungen des Kommissars Richard Voss, immer weiter aufeinander und der Zuschauer erfährt immer mehr über sie: Möbius hat die Weltformel entdeckt und diese gefährdet, in den falschen Händen, die gesamte Menschheit. In Wirklichkeit sind Beutler und Ernesti auch eigentlich Agenten konkurrierender Geheimdienste, heißen Kilton und Eisler und haben sich nur in die Anstalt einweisen lassen, um an die Entdeckungen des Möbius zu gelangen. Und auch Möbius ist nicht verrückt, er tut ebenfalls nur so, als erscheine ihm Salomo, um seine Formel zu schützen. Als sei dies nicht schon genug, ist es eigentlich die Klinikleiterin, Frau Doktor Mathilde von Zahnd, die die einzig wahre Verrückte ist, der nun wirklich König Salomo erscheint, und die das Wissen der Physiker nutzen will, um die Weltherrschaft an sich zu reißen.

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Foto: Björn Hickmann/Stage Picture: Andreas Spaniol (Inspektor Voss), Stefan Schleue (Newton)

Es ist offensichtlich, dass die Handlung des Stückes Stirnrunzeln verursacht. Doch so heruntergekocht, wie wir es in dieser Übersicht darstellen, ist es auch nicht. Gibt Dürrenmatt den Inszenierenden doch durchaus Raum für Tiefgang, sodass sich im Gesamten ein griffiges und kohärentes Stück entwickelt. Die Frage ist nur, ob das Rheinische Landestheater dieses Potenzial auch wirklich genutzt hat?

Die Bühne ist kalt. Die Kulisse wirkt wie durchgehend weiß gekachelt. Sie besteht aus einer Rückwand, in der links, rechts und in der Mitte drei Türen eingelassen werden. Hierbei handelt es sich um die Räume der drei Patienten. Auch an den im gleichen Muster verlaufenden Seitenwänden findet sich jeweils eine Tür, Auf- und Abgänge für die Mitarbeiter der Klinik sowie für den Kommissar. Oben an den Wänden sind Neonröhren angebracht, die diese Kulisse kaltweiß beleuchten. An diesem Setting wird sich das gesamte Stück über nichts verändern. Mal ändert sich kurz die Wärme und die Intensität des Lichts, das war es. Auch akustisch ist die Inszenierung schwach auf der Brust. Es laufen lediglich diverse klassische Stücke, die Einstein in seinem Zimmer fiedelt, weil er sich nach dem Mord an seiner Krankenschwester beruhigen muss. Manch einer könnte schimpfen, diese Lösung sei langweilig und auch uns kam der eine oder andere Gedanke, dass man hier ein bisschen mehr hätte hineinstecken können. In seiner Vorlage beschreibt Dürrenmatt ein Sanatorium in einer alten Villa, das Stück spielt in ihrem Salon. Der Autor beschreibt sogar eine Seite lang die Umgebung der Villa, kommt ins Schwafeln, erwähnt eine in der Nähe gelegene Zahntechnikerschule, Wälder, Gebirgszüge und einen See, bemerkt dann aber in seiner Regie selbst, dass das Örtliche keine Rolle spielt und nur „der Genauigkeit zuliebe erwähnt wird“. Wir können nur erahnen, warum Regisseur Reinar Ortmann und seine Bühnenbildnerin Ivonne Theodora Storm sich für diese kahlen Kacheln entschieden haben: Sie sind bei weitem ungemütlicher, geben uns als Zuschauer nach kurzem Schauen irgendwie selber das Gefühl, in einer Anstalt zu sitzen. Die fehlenden Farben und die ausbleibende akustische Untermalung des Stückes, eben diese Nüchternheit, trägt hierzu bei. Zwar mag manch einer dies als öde ansehen, das Dialysegerät eines Zuschauers im Saal war manchmal von eindringlicherer Lautstärke als das Schauspiel, doch uns gefällt diese Immersion in die Welt Einsteins, Newtons und Möbius‘.

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Foto: Björn Hickmann/Stage Picture: Katharina Dalichau (Fräulein Doktor von Zahnd), Philipp Alfons Heitmann (Möbius), Andreas Spaniol (Inspektor Voss)

So übersichtlich wie die Bühne gehalten ist, ist auch die Besetzung: Philipp Alfons Heitmann ist Möbius, Joachim Berger verkörpert Einstein und Stefan Schleue Newton. Das Klinikpersonal, das bei Dürrenmatt aus Frau Doktor von Zahnd und zwei Schwestern, sowie drei später auftretenden Pflegern besteht, ist am RLT reduziert. Neben der von Katharina Dalichau verkörperten Oberärztin spielt Alina Wolff sowohl die anfänglich bereits tot auf der Bühne liegende Schwester Irene, als auch die später im Stück sterbende Schwester Monika. Auch die Polizei tritt reduziert auf, lediglich in Form des Kommissars Richard Voss, gespielt von Andreas Spaniol. Auf weitere Polizisten und einen Gerichtsmediziner verzichtet Ortmann. Auch die Ehefrau des Möbius, die in der Vorlage noch mit neuem Ehemann, sowie den drei Kindern des Physikers aufkommt, wird reduziert, ist lediglich als Sprachaufnahme aus dem Off zu hören, gesprochen von Juliane Pempelfort. Diese Personalreduktion tut dem Stück sehr gut, ist Dürrenmatt doch ein Freund der vielen Worte, die, wir lassen ihn gerne hoch leben, in ihrer Gänze genial sind, aber dennoch freuen wir uns, wenn man mal Worte Worte sein lässt und den Rotstift zückt! Ein entzückendes Schmankerl bekommen wir in Form von drei Gymnastikbällen, auf denen die Insassen ihre Therapieübungen abzuhalten scheinen. Immer wieder setzen sie sich darauf und wippen auf und ab und scheinen sich dabei irgendwie zu beruhigen. Die Bälle bieten Potenzial für kurze humorvolle Slapstick-Einlagen, beispielsweise wenn Kommissar Voss sich darauf setzen will, die Balance nicht halten kann oder aber wenn Möbius sich hinter seinem Ball vor Einstein und Newton verstecken will.

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Foto: Björn Hickmann/Stage Picture: Andreas Spaniol (Inspektor Voss), Stefan Schleue (Newton)

Die große Stärke des Stückes liegt, wie bei jedem Dürrenmatt-Stück irgendwie, in der Charakterisierung der Rollen durch die Schauspieler. Und die legen Wert aufs Detail. So ist das erste Auftreten von Newton bereits einer Charakterstudie gleichzusetzen. Bei Stefan Schleue achten wir auf seine Hände, er reibt Zeigefinger und Daumen aneinander, eine klassische Bewegung von Leuten mit einem Ordnungstick. Auch Berger und Heitmann stehen dem in nichts nach, sie probieren ihre Rollen aus: Berger zuerst eher geheimnisvoll. Ist Einstein doch derjenige, der den frischesten Mord begangen hat. Er gibt seiner Rolle Zeit, sich zu entwickeln und gibt dem Publikum anfangs das Gefühl, Einstein fühle sich wirklich nur am wohlsten, wenn er geigt. Heitmann begeistert uns, wie immer, besonders durch seine Mimik, mit der er einen Möbius kreiert, der sich nie so sicher fühlt, wie er sich gibt. Es macht uns immer mehr Spaß, diese drei Physiker zu „lesen“ und durch ihr Auftreten ihre wahre Geschichte zu entschlüsseln, bevor sie diese am Ende verbal auflösen.

Und so achten wir viel mehr auf das, was sich auf der Bühne bewegt, als auf das, was dort gesprochen wird.  Durch das reduzierte Bühnenbild liegt der Fokus sowieso auf den Schauspielern. Die Kulisse steht sehr weit vorne, die Tiefe der Bühne wird gar nicht für das Spiel genutzt, sodass die Schauspieler uns Zuschauern räumlich gleich viel näherkommen. Sprachlich ist Die Physiker ein sehr gelungener Text, Dürrenmatt wählt seine Worte mit Bedacht. Aber am Ende ist es halt viel Gehangel von Dialog zu Dialog. Zwei Gesprächspartner reden, einer geht, der nächste kommt, dann geht wieder der andere und ein nächster erscheint und so weiter, sodass hier tatsächlich nur Fans des naturalistischen Sprechtheaters wirklich auf ihre Kosten kommen.

Dennoch bringt das Visuelle auch seine Schwierigkeiten mit sich. So kollidiert die enorme Symmetrie des Bühnenbildes mit der Aktion darauf. Häufig kommt es vor, dass die Bühne kippt. Dies stört unsere Wahrnehmung der Bühnenästhetik. Es passiert exemplarisch ganz viel auf der rechten Seite, während links alles frei ist, da ist zu viel Luft im Raum. Durch die Kulisse kann dies nicht aufgefangen werden, denn sie ist nur eine kalte Wand. Wir fragen uns, wieso die Aktionen so an den Rand geschoben werden. Wir freuen uns immer, wenn Theaterszenen die Harmonie eines gut gestellten Fotos oder Gemäldes haben. So störten wir uns zudem etwas an einem visuellen Bruch mit der symmetrischen Bühne: Wenn alle drei Physiker nebeneinander auf der Bühne ins Publikum sprechen, sitzen sie asymmetrisch nach rechts verschoben, die Bühne kippt wieder nach rechts. Dabei bietet doch gerade dieses Bühnenbild so viel Potential für supergeniale (symmetrische) Eindrücke. Wir vermuten einen Zusammenhang mit einem späteren Auftritt der Frau Doktor von Zahn, für die der Blick auf die hinteren Türen frei sein muss, halten dies aber dennoch nicht für die eleganteste Lösung.

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Foto: Björn Hickmann/Stage Picture: Joachim Berger (Einstein), Philipp Alfons Heitmann (Möbius), Stefan Schleue (Newton)

Wirklich genial sind die bereits erwähnten Therapiebälle. Wir sehen sie auch wortwörtlich als solche an. Weniger als physische, eher als psychologische Therapie. Wieder und wieder setzen sich die Patienten, aber auch andere Figuren auf die Bälle und charakterisieren sich damit. Kommissar Voss hat Schwierigkeiten, sich darauf überhaupt ruhig zu halten. Diese Slapstick-Nummer erheitert nicht nur die Zuschauer, sondern deutet auch darauf hin, dass Voss an einen Ort ist, an dem er sich nicht sonderlich zu Hause fühlt. Besonders aber die Patienten scheinen hierauf ihre Übungen abzuhalten. Immer wieder hüpfen sie auf und ab, es scheint sie zu beruhigen. Diese Wiederholungen lassen uns an den Bösewicht Vaas aus dem Videospiel Far Cry 3 denken, der eine sehr treffende Definition für „Wahnsinn“ findet, indem er ihn wie folgt beschreibt: „Did I ever tell you what the definition of insanity is? Insanity is doing the exact… same fucking thing… over and over again expecting… shit to change… That. Is. Crazy.“ Wir würden hier keine Videospielfigur zitieren, wenn dies nicht ein so passender Gedanke wäre: Immer wieder hüpfen die Protagonisten auf ihren Bällen, führen immer und immer wieder dieselbe Bewegung aus. Wir deuten somit ebendies als Wahnsinn und finden, das ist ein sehr gut gefundenes Motiv.

Ein bisschen unsauber über die Bühne geht der Mord an Schwester Monika. Nicht nur wird sie vergleichsweise schnell von Möbius erdrosselt  (so schnell bleibt niemandem die Luft weg), auch ist das Verschwinden der Leiche etwas unglücklich. Nachdem Möbius Monika getötet hat und dies Newton, der nun hereinkommt, gesteht, was dieser ganz nüchtern hinnimmt, fährt das Bühnenlicht herunter, die Neonröhren bleiben aber, etwas gedimmt, an, Heitmann und Wolff gehen ab, es wirkt fast privat und sowieso: Wieso springt die Leiche auf und geht vollkommen sichtbar für das Publikum ab? Wir hätten uns gewünscht, dass das Bühnenlicht gänzlich heruntergefahren worden wäre, sodass Heitmann und Wolff ungesehen abgehen können. Die Gefahr eines möglichen Szenenapplauses oder der Verwirrung des Zuschauers wäre zu keiner Zeit gegeben, denn derweil hören wir Einstein wieder geigen. Ein vollkommener Black würde vielleicht den Zuschauer dazu verleiten, tatsächlich kurz die Augen zu schließen und Einsteins Geigenspiel zu genießen.

Auch das Farbkonzept hat uns nachdenken lassen. Neben einer sehr weißen Bühne und grauen Overalls der Patienten, finden sich im sterilen Klinikalltag doch Farben: Die Hemden und Socken der drei Insassen haben Farbmuster: Einstein trägt rot, Möbius blau und Newton gelb. So auch die Farben der Krawatten, mit denen sie ihre Morde begehen. Einstein und Newton haben dies zu Beginn des Stückes bereits getan, sie tragen keine Krawatte mehr, lediglich Möbius tut dies und so findet sich an diesem Kleidungsstück eine spannende Art des Foreshadowing, oder der epischen Vorausdeutung, wie es in Literaturwissenschaftlich heißt, das Möbius von den anderen beiden abhebt. Sollte der Dürrenmatt-Ultra bei den Krawatten den Drang zu wüstem Protest verspüren, versuchen wir zu erklären: Diese sind wohl eine Erfindung des RLT. In der Vorlage werden die Krankenschwestern mit der Schnur von Stehlampen oder Kordel von Vorhängen erwürgt. Da aber in der RLT-Version weder Stehlampen noch Vorhänge zu finden sind, bedient sich die Kostümbildnerin, ebenfalls Storm, einer durchaus pfiffigen Idee. Ebenso kontrastierend wirkt der Therapieball, auf dem Möbius später sitzt. Dieser ist als einziger blau, trägt also seine Farbe, wohingegen die beiden anderen Bälle grau sind. Wir vermuten eine Verbindung zu den diffusen Hintergründen der beiden anderen Charaktere, sie sind beide nicht, wer sie vorgeben zu sein. Lediglich Möbius ist er selbst, bekennt quasi Farbe, wenn wir die Deutung ganz plump überstülpen wollen. Vielleicht liegt hier aber auch wieder eine sportliche Überinterpretation vor. Egal: Uns gefällt’s!

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Foto: Björn Hickmann/Stage Picture: Alina Wolff (Schwester Monika), Philipp Alfons Heitmann (Möbius)

Große Stärke beweist sowohl der originale Text als auch diese Inszenierung am Ende des zweiten Aktes. Wenn sich dann alle drei Physiker gefunden und sie sich ihre wahren Identitäten und Absichten verraten haben, man sich wirklich mit der Philosophie und der Macht der Wissenschaft beschäftigt, die Moral durchblicken lässt und einsichtig wird, wie gefährlich das richtige Wissen in den falschen Händen sein kann. „Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken. In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.“ Dies sind die wirklich einschlägigen Worte, die besser als alle anderen die Message des Stückes repräsentieren und für Möbius der Grund sind, wieso er sein Wissen im Sanatorium konservieren und nicht an die Außenwelt dringen lassen will. Auch die Geheimagenten Eisler und Kilton einigen sich darauf, im Sanatorium zu verbleiben, schaffen sie es doch beide nicht Möbius und sein Wissen für ihre jeweilige Regierung zu gewinnen. Einen besonders starken Auftritt hat nun Katharina Dalichau, die als Frau Doktor von Zahnd ihre wahren Absichten präsentiert. Die Zimmertüren der Patienten stehen alle offen, Dalichau schreitet, in der Hand ein schnurloses Mikrophon, von Tür zu Tür, sie scheint durch Wände zu gehen, ihre Stimme schallt übermächtig aus den Lautsprechern. Von Zahnd hat das Gespräch der drei Physiker aufgezeichnet, ihr liegen Kopien der Pläne über die Weltformel des Möbius vor, sie sperrt alle drei ein und macht sich dieses Wissen zu Nutze, um ein Weltunternehmen zu starten und selbst die Weltherrschaft an sich zu reißen. Die drei Physiker können hier nur hilflos zusehen. Sie fallen zurück in ihre Rollen, Einstein und Newton, Möbius wird zu Salomo. Sie wenden sich abschließend, in ihren jeweiligen Türrahmen stehend direkt an das Publikum und stellen sich diesem vor. Wo Isaak Newton mit seinem berühmten Spruch „Hypotheses non figo“ für die alte Wissenschaft steht, die sich keine sonderlichen Gedanken über den moralisch fehlerhaften Einsatz ihrer Erkenntnisse macht, untermalt Albert Einstein, dass man „auf [seine] Empfehlung hin […] die Atombombe [baute]“. Salomo unterstützt dies, indem er eine „blauschimmernde Wüste, und irgendwo um einen kleinen, gelben, namenlosen Stern“ kreisend, die „radioaktive Erde“ beschreibt und damit wohl, eine düstere Zukunft unseres Planeten projizierend und hierdurch die Bedenken von Einstein untermalend, auf die Relevanz des moralisch richtigen Umgangs mit wissenschaftlicher Erkenntnis eingeht. Dürrenmatt lässt seine drei Physiker nach ihrem letzten Monolog abgehen. Im RLT werden sie gebetsmühlenartig wiederholt und brennen sich dadurch vielmehr in die Gedanken des Zuschauers. So stellt die Inszenierung sicher, dass die Quintessenz des Stückes am Ende noch einmal genau untermalt wird und lässt uns zum einen philosophisch erleuchteter, aber auch mit einem etwas mulmigen Gefühl den Theatersaal verlassen.

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Foto: Björn Hickmann/Stage Picture: Alina Wolff (Schwester Monika), Philipp Alfons Heitmann (Möbius)

Die Menschheitsgeschichte ist voll von Erfindungen, die uns da hin brachten, wo wir heute sind. Von der Entdeckung des Feuers über die Verwendung des Rads bis hin zum elektrischen Strom, Raketen und Radioaktivität haben Tüftler, Forscher und Wissenschaftler den Homo Sapiens, den wissenden oder vernünftigen Menschen weit gebracht. Doch bringt jede wissenschaftliche Erkenntnis auch ihre Gefahren mit sich. Schwarzpulver ist nicht nur Feuerwerk, es ist auch Waffe. Raketen sind nicht nur Raumfahrt, sie sind auch Waffe. GPS ist nicht nur Navigation, es ist auch Waffe. Kernspaltung ist nicht nur Energie, sie ist auch Waffe. Alles, woraus der Mensch fortschrittlich profitieren kann, ist in den falschen Händen gefährlich. Und die Aktualität dieses Themas, ist nicht zu ignorieren. So denkt man schnell an Zeitungsmeldungen über beunruhigendes Säbelrassen zwischen Nordkorea und den USA. Doch auch im Alltag sind Dürrenmatts über 50 Jahre alten Gedanken noch frisch wie die Frühlingsgöttin bei der Holzkohlenernte. Als Angela Merkel einst meinte, das Internet sei für uns alle Neuland, so erntete sie Hohn, Spott und Gelächter. Darüber lacht der Homo Sapiens aber auch nur so lange, bis er einem Hackerangriff oder Onlinebetrügern zum Opfer fiel. In einer Welt des ständigen Fortschritts ist es schwer, noch den Überblick zu behalten über Sicherheit, Gewissheit und Ordnung. Und so müssen wir aufpassen, dass unser Fortschritt nicht irgendwann zum Rückschritt wird und danken dem RLT für die Aufnahme dieses zeitlosen Klassikers und können die Relevanz dieses Textes und dieses Stückes nicht genug unterstreichen.

Nach aktuellem Stand sind noch acht weitere Aufführungen von Die Physiker am RLT geplant, weitere Infos hierzu finden sich wie immer auf der Seite des Theaters des Theaters.

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