Diebstahl ist auch nur ökonomische Umverteilung: Das Rheinische Landestheater Neuss gibt Jonas Hassen Khemiris ≈ [ungefähr gleich]

Beitragsbild: Björn Hickmann
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

Wenn ein Theaterstück beginnt wie eine Vorlesung in Wirtschaftsgeschichte, ein Schauspieler uns etwas erzählt vom niederländischen Schokoladenhersteller Casparus van Houten und von seinem Theorem, das es ermöglicht, den Unterhaltungswert eines Ereignisses zu quantifizieren, dann gerechnet und eine Formel aufgestellt wird, geht sie schnell flöten, die Begeisterung, denn Zahlen und Formeln sind kein Spaß. „Boring“ will man rufen, stellt aber dann fest, dass man gar nicht in der Rocky Horror Show sitzt und lässt es dann doch lieber sein. Gut, dass es direkt zu Beginn Schokolade gibt. Zwar nicht für alle Zuschauer, auch nicht für uns, wir saßen zu weit hinten, aber für die Quantifizierung dieses Ereignisses funktioniert der augenzwinkernd gemeinte Bestechungsversuch der Neusser Schauspieler in der vergangenen Premiere am Rheinischen Landestheater Neuss von Jonas Hassen Khemiris Tragikkomödie ≈ [ungefähr gleich] äußerst gut. Ob das Gesamtpaket ebenfalls begeistert, oder ob Schokolade das Highlight bleibt, das haben wir uns angesehen.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Pictures; Katharina Dalichau, Rainer Scharenberg, Anna Lisa Grebe, Hergard Engert, Alina Wolff, Pablo Guaneme Pinilla

Das 2014 uraufgeführte Theaterstück ≈ [ungefähr gleich] präsentiert uns neben Wirtschaftstheorien auch fünf Personen, die an ebenjener Wirtschaft gescheitert zu sein scheinen. Da ist der von einer Festeinstellung träumende Mani (Rainer Scharenberg), der Wirtschaftsdozent, der auch anfangs seinen Vortrag über Van Houten hält und zusammen lebt mit seiner aus einer reichen Familie stammenden Frau Martina (Katharina Dalichau), die von ihrem eigenen Biohof und der Selbstversorgung träumt. Da sind Andrej (Pablo Guaneme Pinilla), der trotz Abitur und Abendkursen in Wirtschaft keine Arbeit zu finden scheint und Freija (Hergard Engert), die ihren Job verliert, aber ihn nicht so einfach aufgeben will. Und schließlich ist da noch Peter, der Obdachlose (Christoph Bahr), der sich als einziger irgendwie in dieser Welt zurechtfindet, die den Wert eines Menschen anscheinend nur an dem bemisst, was er an Kapital aufbringt. Da bereits die Regie der Textgrundlage 4-22 Personen, teilweise marginale und doch notwendige Charaktere ankündigt, ist es ganz gut, dass sich Regisseurin Nina de la Parra dazu entschieden hat, noch weitere Schauspieler auf die Bühne zu lassen. Unterstützung bekommen die Darsteller von Anna Lisa Grebe und Alina Wolff.

Wenn wir auf die Bühne der Neusser Inszenierung blicken, sehen wir eigentlich nicht viel. Der Boden ist weiß, genauso wie die Rückwand der Bühne. Einen Bereich hinter der Bühne scheint es nicht zu geben. Die Darsteller befinden sich bereits im Raum, schlurfen durch das Auditorium, während die Zuschauer den Saal betreten und verlassen die Bühne, nachdem das Stück begonnen und sie sie nach ihrer kurzen Einführungsvorlesung betreten haben, auch nicht wieder. Permanente Präsenz der Darsteller in der 90-minütigen, pausenlosen Darbietung. Verschwinden können die Darsteller allerdings wohl. Quasi untertauchen. In der Mitte der Bühne sehen wir ein großes, rundes Bällebad, gefüllt nur mit weißen Plastikbällen, wie wir es von großen schwedischen Möbelgeschäften kennen, da geben wir immer die Kinder ab, weil sie beim Einkaufen sowieso nur nerven. Hier springen die Schauspieler rein, tauchen unter und wieder auf, eben wie Kinder. Auch Soundanlage und die Farbfolien wurden, so könnte man meinen, für diese Produktion im Kinderparadies abgegeben, auf der Bühne werden sie nicht benötigt. Das gesamte Stück ist in einem weißen Licht gehalten, Musik kommt nicht aus den Boxen, sie wird live in a cappella Form von den Schauspielern in beeindruckend unter die Haut gehender Art und Weise auf der Bühne gesungen.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Pictures; Christoph Bahr, Pablo Guaneme Pinilla, Anna Lisa Grebe, Hergard Engert, Katharina Dalichau

Die Geschichte um die fünf Hauptfiguren wird kaleidoskopartig Erzählt, die einzelnen Hoch- und Tiefpunkte sind miteinander verwoben, sodass es anfangs wirkt, als würden dort fünf Einzelschicksale erzählt. Die Idee von Khemiri, die Erzählstränge zu verweben und nicht linear weiterzuführen, ist vom Neusser Team aufgenommen und von Dramaturgin Alexandra Engelmann verfeinert worden. Ein kluger kniff, der vom Zuschauer allerdings abverlangt, 90 Minuten aufzupassen, denn die Schauspieler wechseln in ihren pastellfarbenen Grundkostümen sehr schnell die Rolle, die sie spielen, übernehmen zudem auch noch die Rolle des die vierte Wand durchbrechenden Erzählers. Angedeutet werden die Rollenwechsel wahrhaftig nur durch das Gesprochene, reduziert die Inszenierung doch auch die Verwendung von Requisiten auf ein Minimum. Hier kommen passenderweise die Plastikbälle aus dem Becken zur Hilfe, sie repräsentieren Kleingeld, eine Flasche Sekt oder einen Notizzettel. So verlangt diese Inszenierung der Vorstellungskraft der Zuschauer einiges ab, was ihr aber nicht schadet. Dennoch belauschen wir auf der späteren Premierenfeier das eine oder andere Tischgespräch, in dem sich Zuschauer hin und wieder einen Strohhalm wünschten, an dem man sich festhalten kann, einen Leuchtturm, der dem Zuschauer ein bisschen den Weg weist durch das Dickicht der Erzählstränge. Diesen Wunsch können wir nachvollziehen. Es ist anstrengend, den verworrenen Geschichten zu folgen, auch, wenn sie am Ende klug zusammengeführt werden. Hier wird unsere Geduld belohnt, es passt am Ende alles zusammen, was zusammen gehört. Wie genau sich die Handlung um die Figuren entwickelt, wollen wir aber nicht erzählen, das nähme dem Stück zu viel Energie.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Pictures; Christoph Bahr, Hergard Engert, Anna Lisa Grebe, Alina Wolff

Technisch wie schauspielerisch gibt es nicht viel zu meckern. Khemiri liefert viel Text, aus dem die Neusser bereits etwas gestrichen haben, aber dennoch werden Liebhaber von dynamischem Bühnengeschehen und physischem Feuerwerk hier nicht wirklich auf ihre Kosten kommen. Trotzdem empfehlen wir jedem einen Besuch, denn der wirkliche Zauber des Stückes ist eben jener Text, der so klug geschrieben und von den Darstellern so toll dargebracht wird. Vor diesem Hintergrund ist auch von den teilweise aufkommenden Fremdschammomenten abzusehen, wenn die Darsteller schrill quiekend und in übertriebenem Gestus Lebenssituationen nachstellen, was von den beiden Damen in der Reihe hinter uns passenderweise kommentiert wird, es sei „wie in so’nem Comic“. Schmunzelnd mussten wir uns hier vorstellen, wie über den teilweise zu übertriebenen impulsiven Momenten des Stückes comichafte Sprech- und Soundblasen über den Darstellern auftauchten. Man könnte meinen, man kann es uns nicht recht machen, denn die ruhigeren Momente der Inszenierung wecken in uns den Drang, die Augen zu schließen. Warum? Weil die Schauspieler ja auch den Erzähler der Geschichte mitspielen, wirkt das Stück durch das ausgezeichnete Sprechen, die Betonung und das minutiöse Timing der Darsteller, bei geschlossenen Augen manchmal wie ein Hörspiel. Wir vermissen das Geschehen auf der Bühne gar nicht, wollen es sogar manchmal, gar nicht alles sehen, wollen uns einfach fallen lassen und einmal nur das Gesprochene hören. Ob dies nun im Sinne des Erfinders ist, lassen wir einmal unkommentiert.

So sind es die Kleinigkeiten, bei denen wir uns wünschen, dass da noch einmal gefeilt wird. Zu Beginn, wenn sechs Darsteller im Saal um die Zuschauer herumscharwenzeln, liegt der siebte, Bahr, versteckt im Bällebad. Die weiße Gitarre, die er später in seiner Rolle als obdachloser Peter spielt, um Passanten nach Geld zu fragen, weil er ein Zugticket braucht, um seine kranke Schwester zu besuchen, liegt derweil auf seinem Bauch. Nun ist Bahr ein Mensch und muss atmen. Die Gitarre reflektiert das Licht der Scheinwerfer an die hintere weiße Wand, der Schein wandert fast schon hypnotisierend auf und ab. Man sieht sogar seinen Herzschlag. Einen größeren Überraschungseffekt hätte es gegeben, hätten wir Bahr daran und an seinen aus den Bällen hervorstehenden Schuhen, nicht bereits zu Beginn erkannt. Doch tut das seinem Spiel keinen Abbruch. Es ist faszinierend, wie er charismatisch er die Rolle des Obdachlosen darstellt und damit irgendwie im Zentrum des gesamten Stückes steht, denn Peter scheint durchgehend derjenige zu sein, der sich im kapitalgesteuerten Umfeld unseres Jahrhunderts zurechtfindet. Andrej hat das beobachtet, erzählt uns schon am Anfang des Stückes von dieser Masche. Wie Peter die Fußgänger mit seiner Gitarre um den Finger wickelt und sich mal mit einem Witz, mal mit einem sympathischen Augenzwinkern das Kleingeld der Passanten erarbeitet und damit der erfolgreichste Charakter im ganzen Stück zu sein scheint.

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Foto: Björn Hickmann / Stage Pictures; Pablo Guaneme Pinilla, Hergard Engert, Alina Wolff

Und das stimmt nachdenklich. Auch über die Stammtischdiskussion hinweg, dass ein Obdachloser mehr verdient als ein Studierter. Das mag vielleicht in Einzelfällen sogar so sein. Aber in Einzelfällen ist die Schwester des Obdachlosen vielleicht wirklich verunglückt. Einzelfälle eben. Von diesen zeigt Khemiri in ≈ [ungefähr gleich] eine Menge. Wir alle sind Teil eines Systems, das, so kommt es uns vor, nicht perfekt ist. Da ist Geld und da ist Arbeit und nicht alle haben etwas davon. Manch einer macht Abi, studiert Wirtschaft und bekommt eine Anstellung in einem Tabakwarenladen, in dem er dann eine Menge ungenutztes ökonomisches Potenzial sieht, das hat er in der Abendschule gelernt. Gerade die Generation Y, die ersten Digital Natives, die bereits Burnout haben, bevor sie die Schule verlassen, am Arbeitsplatz dann unter Konkurrenzdruck leiden und sowieso alles in Frage stellen (Y, Englisch, „Why?“) und sich stressgeplagt nach dem privaten Idyll sehnen, dass Forschung und Journalisten schon von „Neo-Biedermeier“ schreiben. Da ist es nachvollziehbar, dass Theaterstücke wie ≈ [ungefähr gleich] die Zugänge zu Theaterspielplänen finden und wir fordern gerade die Generation Y auf, sich dieses Stück anzusehen. Es beantwortet keineswegs alle Fragen. Es nimmt auch nicht die Angst vor der Zukunft, die Sorgen um eine gute Ausbildung, Arbeitsplätze, bezahlbare Wohnungen oder eine ausreichende Altersvorsorge werden immer noch wie düstere Gewitterwolken über unseren Köpfen schwirren, vielleicht verstärkt das Stück diese Wolken sogar. Aber es regt zum Nachdenken an, hilft, Überlegungen und Selbstreflexionen anzustellen, denn es stellt anschaulich und ehrlich dar, wie es ist, das Leben mit dem Kapital und in der Wirtschaft, in der wir ja doch irgendwie alle ungefähr gleich sind.

Wer die Neusser Inszenierung von ≈ [ungefähr gleich] noch sehen will, findet auf der Seite des Theaters des Theaters weitere Infos zu den noch folgenden fünf Aufführungen.

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