Von Irren in Illyrien – Shakespeares „Was ihr wollt“ am RLT Neuss

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Björn Hickmann/ Stage Picture

In dieser Spielzeit hat sich das Rheinische Landestheater Neuss an die Komödie Was ihr wollt von William Shakespeare (1601-1602) herangewagt. Ein Stück voller Missverständnisse, Intrigen und dem Streben nach der Erfüllung der eigenen Interessen (meist Liebe, Sex, Alkohol, um es platt zusammen zu fassen). Eine tolle Vorlage, die einen unterhaltsamen Abend verspricht, doch konnte das Ensemble um Regisseur Alexander Marusch die Erwartungen erfüllen?

Direkt zu Beginn kommt der Narr (Emilia Haag) auf die Bühne, haut kurz einige Töne auf seiner Ukulele heraus, wonach sich der Vorhang öffnet. Die Klänge der Ukulele werden über vorkomponierte Werke verstärkt. Wer einen ruhigen Einstieg erwartet, wird enttäuscht, sofort befindet sich der Zuschauer inmitten des Schiffsunglücks von Viola (Kathrin Berg) und Sebastian (Richard Lingscheidt), die gegen einen starken Wellengang ankämpfen, auf einer Rampe. Unterstützt wird das Ganze durch blaues Licht, unruhige Bewegungen und eine Projektion, die einen stürmischen Seegang und den Blick über eine Reling zeigt. Viola kann sich über die Leiter retten, doch Sebastian rollt die Rampe herunter, quer über die Bühne und ab, er scheint im Meer ertrunken zu sein. Ein toller Einstieg, der durch das Spiel von Emilia Haag als Narr anschließend weiter fortgeführt wird.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, mit Kathrin Berg und Pablo Guaneme Pinilla

Inhaltlich beginnt für Viola nun eine verwirrende Reise. Sie verkleidet sich als Mann, nennt sich ab sofort Cesario, und erlangt so eine Anstellung als Dienstbursche beim Herzog Orsino (Pablo Guaneme Pinilla). Der Herzog ist unsterblich in die Gräfin Olivia (Johanna Freyja Iacono-Sembritzki) verliebt und lässt Cesario eine Botschaft überbringen. Dabei muss Cesario zunächst am Dienstherrn Malvolio (Hubertus Brandt) vorbei, der seinerseits nach dem Herzogtitel strebt und der Gräfin ebenfalls den Hof machen möchte. Doch Cesario ist geschickt im Umgang mit Worten und dringt bis zur Gräfin vor, diese möchte jedoch nichts von Orsino wissen, sondern verliebt sich stattdessen in Cesario. Gleichzeitig treiben sich am Hof von Olivia auch ihr Onkel Sir Toby (Stefan Schleue) mit seinen Saufkumpanen Sir Andrew (Peter Waros) und Fabian (Josia Krug) herum, die für allerlei Durcheinander sorgen und keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegenüber Malvolio machen. Als sie dann im Dienstmädchen Maria (Linda Riebau) noch eine Verbündete finden, die Malvolio ebenfalls vom Hof vertreiben will, ist der Plan perfekt. Doch als es nach einigen Verwechslungen und Missverständnissen zum Duell zwischen Sir Andrew und Cesario kommt und plötzlich auch noch Violas (Cesarios) Zwillingsbruder Sebastian auftaucht, das auch noch in gleicher Kleidung, ist das Verwirrspiel perfekt. Am Ende wird Malvolio ein fieser Streich gespielt, der ihn bloßstellt, Gräfin Olivia geht eine Beziehung mit Sebastian ein, wohingegen Viola endlich ihre Liebe zum Herzog Orsino offen zeigen kann.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, mit Peter Waros, Stefan Schleue, Emilia Haag, Linda Riebau und Hubertus Brandt

Ein Verwirrspiel der besten Art mit vielen Darstellern. Am Ende stehen knapp zwei Drittel des Ensembles des Rheinischen Landestheaters auf der Bühne, die dieses Stück unglaublich harmonisch tragen. Dazu beigetragen haben die vielen skurrilen Darstellungen der Charakter, die für eine solche Shakespeare-Komödie notwendig sind, um die Handlung witzig und nicht flach werden zu lassen. Allen voran müssen wir Hubertus Brandt loben, der in der Rolle des Malvolio voll aufgegangen ist. Große Gesten, die an den betrunkenen James aus Dinner for One oder in Teilen auch an Max Giermann erinnern, geben seiner Rolle unfassbar viele komische Momente, von denen man gerne noch mehr gesehen hätte. Stefan Schleue in der Rolle des Sir Toby versteht es perfekt, sich in die Bewegung eines Dauerbetrunkenen hineinzuversetzen. Dabei ist er nie drüber, sondern immer auf den Punkt. Peter Waros als Sir Andrew harmoniert perfekt im Spiel mit Schleue und legt einen tollen Gestus an den Tag, sei es als aufgeplusterter Möchtegernkämpfer oder betrunkener Philosoph, auch Waros ist pointiert und einfach toll anzusehen. Emilia Haag als Narr gibt der ganzen Inszenierung ihren roten Faden. Sie führt den Zuschauer durch die verschiedenen Akte, ist immer wieder Teil der Szene und dabei stets an ihrem eigenen Wohl interessiert. Ihre spitze Zunge und ihre Bewegungen untermalen vollkommen ihr Spiel. Selbst wenn Haag mal nur am Rande sitzt, ihren Fusel trinkt und die Szene auf der Bühne weiterläuft, ist sie stets in der Rolle, sorgt so für wenig Ablenkung, aber auch dafür, dass man ihren Charakter vom Anfang bis zum Ende ernst nehmen kann. Es ist ihr zweites Gastspiel  in dieser Spielzeit am RLT, wir hoffen, dass noch weitere folgen werden. Kathrin Berg als Viola, bzw. Cesario zeigt uns erneut, nachdem wir sie schon bei Die kurze Geschichte der Menschheit für ihre Rollenwechsel gelobt haben, dass dies keine Eintagsfliege war. Als Viola eifert sie dem Herzog Orsino nach, als Cesario erfüllt sie ihre Pflichten und begibt sich sogar in ein Liebesspiel mit Olivia. Die Rollenwechsel machen ihr nichts aus und durch urkomische Reaktionen untermalt sie ihre verzwickte Lage, die immer wieder für Gelächter im Zuschauerraum sorgen. Josia Krug hat uns den Fabian präsentiert. Krug hat den leicht dümmlichen und verpeilten Charakter perfekt inszeniert und damit das Trio Infernale um Schleue und Waros perfekt gemacht. Auch Johanna Freyja Iacono-Sembritzki zeigte uns, dass sie als Gräfin richtig besetzt ist. Besonders ihr Zusammenspiel mit Hubertus Brandt, aber auch mit Kathrin Berg ist immer wieder ein Feuerwerk der guten Laune. Richard Lingscheidt hatte als Sebastian dieses Mal weniger Bühnenzeit, war aber gewohnt präsent und überzeugte uns erneut von sich, vor allem aber von seiner Rolle als verlorener Zwillingsbruder, der die Herzogin liebt. Und zuletzt erfreute uns Linda Riebau als Maria, die sich immer mehr in ihren diabolischen Plan hineinsteigert und so zur Inkarnation des Bösen wird. Ihr Spiel und ihr Ausdruck unterstreichen jedes ihrer Worte, genial, böse, hinterlistig und im Gesamtkontext unfassbar komisch.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, Hubertus Brandt und Johanna Freyja Iacono-Sembritzki

Zur gelungenen Inszenierung hat auch das Bühnenbild (Achim Naumann d’Alnoncourt) beigetragen, das aus einem Gerüst bestand, auf dem die Darsteller oben wie auf einem Balkon standen. Unten in der Mitte gab es eine Leinwand, auf der immer wieder Schattenspiele und Projektionen zu sehen waren. Auch wenn die Projektionen an einigen Stellen nicht immer notwendig waren, beispielsweise, wenn Bilder von Gärten für den Hof des Herzogs gezeigt wurden, da dies aus der Handlung und dem Spiel deutlich wurde, passte dennoch alles harmonisch zueinander. Besonders passend waren an einigen Stellen die Schattenspiele. So konnten sich Maria und Sir Toby in der Schattenwelt lieben oder der Abgang von Sir Andrew zu seinem Duell wurde durch einen riesigen Schatten verstärkt. Auch die Kostüme (Alide Büld) der Darsteller, die überwiegend in den Farben blau und grün gehalten wurden, um das maritime Flair zu unterstützen, waren toll anzusehen und versetzten den Zuschauer in die Zeit Shakespeares zurück, da sie auch zeitgemäß geschnitten waren. Zuletzt hat auch die Musik (Christian Kuzio) den Abend mitgetragen. Schöne Klänge von der Gitarre, Ukulele oder Flöte sorgten für das richtige Flair und die richtige Stimmung. Emilia Haag gab ebenfalls immer wieder mit ihrer Ukulele einige Stücke zum Besten. Insgesamt ein sehr harmonischer und stimmiger Aufbau der gesamten Produktion.

Im Prinzip ist alles perfekt. Alles? Na, nicht ganz. Im ersten Teil der Aufführung gab es einige Textpassagen, die etwas langwierig wurden. Sicherlich kann es die Inszenierung vertragen, wenn nach dynamischen Szenen wieder ruhige Momente einkehren, doch in manchen Punkten hat dies den Zuschauer zu sehr ausgebremst. Die Vorlage bietet längere Monologe, doch was spricht dagegen die Schauspieler mit ihren Talenten diese noch etwas mehr mit Bewegung untermalen zu lassen. Sicherlich ist es nicht passend, wenn Viola vorm Herzog einen längeren Text spricht und umhertanzt wie ein Kasper, aber dennoch hätten wir uns im ersten Teil an manchen Stellen noch mehr zum Gucken gewünscht. Allerdings halten wir fest, dass dies Meckern auf sehr hohem Niveau ist, denn was im ersten Teil an einigen (kurzen!) Stellen an Dynamik fehlte, wurde im zweiten Teil wieder wettgemacht. Sicherlich eine Frage des Geschmacks. Auch kleine Versprecher der Schauspieler sind fast nicht aufgefallen, da sie diese einfach in ihr Spiel eingeflochten haben, man konnte fast den Eindruck gewinnen, dass diese zum Stück dazugehörten.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, mit Stefan Schleue, Emilia Haag und Linda Riebau

Der minutenlange Applaus am Ende der Aufführung ist in jedem Fall verdient gewesen und jedem Shakespearefan können wir empfehlen, sich diese Inszenierung anzuschauen. Ein rasanter Abend, der zeigt, in welch engstirnigen Verhältnissen die Bewohner von Illyrien leben, denn jeder ist sich selbst der Nächste. Kein Wunder, dass der Narr Malvolio irgendwann fragt: „Dies Land ist eine off’ne Anstalt. Oder hast du das Stück nicht verstanden, in dem wir spielen?“. Ein herrlicher Abend mit vielen Bildern, die in unseren Köpfen bleiben. Bilder, auf die wir in diesem Beitrag nicht weiter eingehen, weil wir sie nicht so beschreiben können, wie sie rüberkamen, Bilder die urkomisch sind und es verdient haben, live gesehen zu werden.

Wer an Aufführungsterminen interessiert ist, kann diese auf der Seite des Rheinischen Landestheaters finden. Auch beim Shakespeare-Festival im Neusser Globe wird die Inszenierung im Juni drei Mal zu sehen sein.

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Foto: Björn Hickmann/ Stage Pictures, mit Hubertus Brandt, Peter Waros und Stefan Schleue

 

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