Jetzt müssen die Männer ran! – „HYSTERIA“ im Studio 11 in Köln

Text: Werner Alderath (werner.alderath@theaterwg.de)
Beitragsbild: Miriam Lindenmeier

„…Herzlich Willkommen bei HYSTERIA! Sie kommen aus dem Schoß Ihrer Mutter? Wir kommen aus dem Schoß einer Sau. Hass und Gewalt sind Vergangenheit, die freundlichen Männer dank Pille und Spritze gezähmt. Und endlich sind alle Frauen frei…“

Mit diesem kurzen Text lädt das Theaterensemble ELMAthereile zu ihrer aktuellen Produktion ein. „Gut…“, mag man(n) denken, „…was mit Emanzipation oder Gleichstellung von Mann und Frau.“ Ehrlicherweise waren das auch unsere ersten Gedanken. In Zeiten, in denen Berufsbezeichnung neben der maskulinen und femininen Form, nun auch eine geschlechtsneutrale Form bekommen, scheint dieses Stück nur zu gut reinzupassen. Geschlechterrollen werden vertauscht, der Ruf nach mehr Gerechtigkeit. Alles keine Weltneuheiten, doch bevor wir weiter spekulieren lassen wir uns einfach mal drauf ein, auf das, was uns im Studio 11 gezeigt wird.

Zunächst einmal halten wir fest, dass das Studio 11 eine sehr kleine, schöne Bühne im Herzen von Köln-Ehrenfeld ist. Das Publikum sitzt den Darstellern fast auf den Füßen und auch das Bühnenbild ist mehr als überschaubar: ein paar Tierkäfige, mit Verstärkung im Inneren, damit man sich darauf auch setzen kann, vier Umhänge, die an den Wänden hängen, in der rechten hinteren Ecke ein bisschen Technik, die andeutet, dass es Live-Musik geben wird. Stutzig werden wir bei drei Körpern, die am Rand der Bühne liegen und an denen nur die Füße herausschauen, denn die Oberkörper sind mit blauen Müllsäcken eingewickelt. Später stellt sich heraus, dass Frederik Geisler als männlicher Darsteller in einem dieser Säcke weit über 30 Minuten ausharrt. Die anderen beiden Gestalten sind lediglich Puppen. Ohne, dass viel passiert ist schon mal Respekt für diese Körperbeherrschung.

Hysteria_Okt2019_MiriamLindenmeier (29)
Foto: Miriam Lindenmeier

Dann geht das Licht aus, Bühnenlicht geht an, drei Frauen stürmen herein, wir werden Zeugen einer Geburt. Keiner richtigen natürlich, doch schon in den ersten Sekunden wird uns ein Feuerwerk um die Ohren gefeuert, wie einfach und doch kompliziert eine Geburt sein kann, welche Risiken es gibt, dass der männliche Körper gar nicht für solche Strapazen ausgelegt ist. Parallel dazu gibt uns Evi Amon einige Situationen zum Besten, in denen sie behauptet ganz ruhig zu sein (das Gegenteil ist der Fall), während Laura Simmons und Stephanie Reichmann weiter mit der Geburt beschäftigt sind. Trotz des vielen Texts, packt uns die Inszenierung direkt, was dem tollen Spiel der drei Darstellerinnen geschuldet ist. Das Tempo sorgt jedoch dafür, dass man nicht alles im Detail mitbekommt, egal, es herrscht ein bisschen Hysterie und der Mann ist nicht für das Kinderkriegen gemacht. Generell ist Kinderkriegen doch der Karrierekiller, warum diesen lästigen Job nicht jemand anderes überlassen? Schweinen zum Beispiel?

Und schon sind wir mitten in der dystopischen Welt von Hysteria: Frauen haben das Sagen, sie müssen keine Kinder mehr kriegen, denn das übernehmen jetzt die Schweine, und Männern wurde dank einer Hormontherapie ihre Aggressivität und ihr Machogehabe aberzogen. Schöne neue Welt! Der Zuschauer erlebt verschiedene Situationen, in denen der freundliche Mann die klassischen Aufgaben der Frauen übernimmt, beispielsweise im Büro. Unterbezahlung und Überstunden inklusive, alles natürlich für das Team…und die Firma! Der moderne Mann darf sich mit Sprüchen konfrontiert sehen, die sonst nur Frauen abkriegen, alles in Richtung á la „Geh mal Kaffee kochen.“. Sollte der freundliche Mann dann mal drohen auszuticken, da sich sein Testosteron wieder durchsetzt, dann wird ihm eine Östrogenspritze verabreicht. Bei dieser Behandlung können zahlreiche Nebenwirkungen auftreten, die als nebensächlich abgetan werden. Wo man als Zuschauer schmunzelt, steckt aber eine Menge Wahrheit dahinter, denn die gefühlt nicht enden wollende Liste an Nebenwirkungen entspricht denen der Pille.

Hysteria_Okt2019_MiriamLindenmeier (4)
Foto: Miriam Lindenmeier

 

Man(n) hat es in jedem Fall nicht leicht, weder auf der Bühne, noch im Publikum. Mit vielen Klischees wird gespielt, doch dabei geht es oft satirisch zu. In den Texten selbst steckt viel Wahrheit: das verdrehte Weltbild, die Entlastung der Frau durch ein Schwein oder die alltäglichen Situationen. Jeder Part ist satirisch und doch leider nicht allzu weit hergeholt. Dennoch ist Hysteria sehr unterhaltsam, was auch durch die Live-Musik von Samuel Horn unterstützt wird. Die Inszenierung ist einfach und doch wirkungsvoll und so sind am Ende knapp 70 Minuten wie im Flug vergangen. Hysteria ist Geschichte und doch nehmen wir mit, dass es gut wäre, wenn es in unserer Welt öfters etwas gerechter zwischen Mann und Frau zuginge. Frau muss auch nicht männlich sein, damit sie autoritär sein kann, Mann muss sich nicht prügeln oder rumschreien, damit er anerkannt wird. Weniger ist oftmals mehr.

Der Titel des Stückes leitet sich übrigens von einer Burschenschaft aus Österreich ab, die passenderweise eine feministische, linke Bewegung ist, 2016 gegründet wurde und die rituale der Burschenschaften auf satirische Weise aufs Korn nimmt. Und so agiert auch die Produktion von ELMAthereile: ein bisschen feministisch, ein bisschen mehr Frauen an die Macht, aber eben auch ein bisschen Satire dazu. Manchem mag dies zu viel erscheinen, wir fanden die Mischung genau richtig. Es gehe auch nicht darum zu sagen, dass alles schlecht sei oder man Männern grundsätzlich jegliche Macht entziehen solle. Es gehe darum zum Diskutieren und Nachdenken anzuregen, so die Ensemble-Mitglieder. Das anschließende Gespräch vor der Türe zeigt, dass diese Inszenierung dieses Ziel erreicht.

Hysteria_Okt2019_MiriamLindenmeier (24)
Foto: Miriam Lindenmeier

Eigentlich war die Aufführung am 23. Oktober die Dernière, doch die vier bisherigen Termine waren alle ausverkauft und die Nachfrage war so groß, dass das Ensemble sich entschieden hat für 2020 eine Wiederaufnahme anzusetzen. Wer sich also für Hysteriainteressiert kann sich noch einmal Karten für den 07., 08. oder 09. Februar 2020, jeweils um 20:00 Uhr sicher. Die Aufführungen finden wieder im Studio11 statt. Sobald die Homepage aktualisiert wurde, können Tickets über die Seite vom Studio11 bestellt werden. Oder man schreibt vorab Stephanie Schmitz, die für die Öffentlichkeitsarbeit der Truppe zuständig ist.

Wir für unseren Teil können die Inszenierung empfehlen und wünschen der Truppe für die Neuaufnahme viel Erfolg. Außerdem hoffen wir auf weitere spannende Projekte, zu denen wir gerne auch wieder vorbeischauen.


Dir gefallen die Texte der Theater WG? Dann lass uns doch ein Like bei Facebook oder ein Abo bei Instagram da und stell sicher, dass Du in Zukunft nichts von uns verpasst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s