Der zweite Blick in die Unsterblichkeit – The Last Mortal von half past selber schuld

Titelfoto: Christian Ahlborn
Text: Marius Panitz (marius.panitz@theaterwg.de)

“It’s tough to make predictions – especially about the future.” Dieses Zitat des US-amerikanischen Baseballspielers Yogi Berra, der für seine humoristischen Kurzweisheiten so berühmt geworden ist, dass man sie eigens „Yogiisms“ nennt, ist nicht nur philosophisch angehaucht und unterhaltsam, es ist auch Quintessenz des neusten Stückes des Puppenspielerkollektivs half past selber schuld, das gestern in den FFT-Kammerspielen in Düsseldorf Premiere feierte. The Last Mortal ist der zweite Teil der Trilogie „Wonderland Inc.“, in die wir im Jahr 2017 mit dem Stück Kafka in Wonderland einstiegen. Was ist also neu? Wie knüpft das Kollektiv an seinen Erfolg aus 2017 an und was überhaupt ist noch gleich dieses „Wonderland Inc.?“

Dass es schwierig ist, Vorhersagen zu machen, besonders über die Zukunft, leuchtet ein. Diesen Umstand machen sich half past selber schuld zu Nutze und erdenken sich eine schöne neue Welt, in der Mensch und Maschine Hand in Hand gehen. So führten sie 2017 mit Kafka in Wonderland  mit selbst denkenden und moralisch entscheidenden Autos, einem Designerbaby aus der Mikrowelle oder  einem Bewusstsein, das man nach dem Ableben in eine Cloud hochladen kann mit viel Witz, Charme und mehreren zwinkernden Augen in dieses durch und durch dystopische Zukunftsszenario rund um den all dies möglich machenden Megakonzern „Wonderland Inc.“ ein und knüpfen hier mit The Last Mortal nun an.

So ist das Konzept des Stückes schnell erklärt mit einem Zitat aus dem Programmheft: „Wem es wichtig ist: Bitte selbst einen roten Faden mitbringen.“ Diesen, also eine durchgehende Handlung, gibt es nicht. The Last Mortal ist eher eine Szenencollage, die sich einpendelt zwischen der Klammer des letzten Sterblichen („the last mortal“, eben), der in einer Zukunft, in der die Menschheit durch Technologie den Tod besiegt hat und unsterblich ist, eine wahre Rarität darstellt.

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Foto: Christian Ahlborn

In durchgehend glänzendem Sarkasmus stellen die einzelnen Szenen also wieder futuristische Szenarien dar, die sich auf ihre beißende Art und Weise durchaus mit aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen zu identifizieren wissen. Da sammelt ein Raumfahrer Methan von furzenden Kühen ein und findet hierfür sein ganz spezielles Endlager, da ist Big Data, der Superheld, der Gut und Böse nicht unterscheiden kann und dem Hausmütterchen genauso stärkend zur Seite steht wie dem Terroristen und da sind Brillen, die man sich aufzieht und die dank eingebauter Filter die visuelle Wahrnehmung von Hautfarben oder gar ganzen Menschen beeinflusst, sodass hierdurch effektiv Rassismus bekämpft wird. Themen also, die uns alle beschäftigen und die ob ihrer Omnipräsenz eigentlich schon gar nicht mehr originell sind.

Originelle Themen auf die Bühne zu bringen würde allerdings auch der Intention des Stückes gar nicht gerecht werden. Gerade darum geht es ja: Wir sollen Sachverhalte erkennen, die in The Last Mortal auf die Spitze getrieben werden, sodass wir uns selbst bei der Erkenntnis ertappen, dass wir Themen wie Klimawandel, Big Data oder Rassismus zwar zu Genüge kennen, sie auf diese Weise aber noch nicht thematisiert gesehen haben.

Die große Stärke von half past selber schuld ist nämlich das schier grenzenlose visuelle Portfolio der Gruppe, das bereits Kafka in Wonderland zu einem abwechslungsreichen und kurzweiligen Stück gemacht hat und welches, so wirkt es auf uns zumindest, in The Last Mortal noch einmal aufgestockt wurde.

So bedienen half past selber schuld schon lange nicht mehr nur Puppenspiel. Zwar bleiben sie ihrem Stil, dem Bühnencomic, noch immer treu, doch füttern sie ihre Stücke nun mit einem viel breiteren darstellerischen Gerüst. So finden sich in The Last Mortal neben Puppenspiel auch Filmsequenzen unterschiedlicher Stile, Livemusik, Schattenspiele oder Tanzelemente.

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Foto: Christian Ahlborn

Bei einer solch starken Palette an Darstellungsmöglichkeiten könnte die Gefahr bestehen, dass die Stücke überladen wirken und den Eindruck vermitteln könnten, sie wüssten nicht, was sie sein wollten. Bei half past selber schuld ist dies allerdings anders: Da die Gruppe von Beginn an feststellt, dass es keinen roten Faden gibt, darf natürlich auch experimentiert werden, bis sich die Balken biegen. Und so ist jede Szene von The Last Mortal ein eigenes kleines Theaterstück, das die Zuschauer*innen auf seine ganz eigene Art und Weise packt, berührt, schmunzeln lässt, verzaubert und zum Nachdenken anregt. Wiederkehrende Elemente, wie der Nachrichtensprecher Johnny Cashmere, der bei Kafka in Wonderland dem Publikum noch von der Projektionsleinwand entgegenleuchtete, finden sich nun als live gespielte Puppe auf der Bühne und geben dem Gesamtstück ohne roten Faden zumindest einen Orientierungsrahmen.

Dass half past selber schuld sich, wie sie uns im Interview für unser Porträt im Oktober 2018 verrieten, auch immer mehr für das Filmgenre interessieren, bemerkt man besonders in The Last Mortal. Wie kaum ein anderes Stück wird die Bühnendarstellung hier sehr häufig durch verschiedene Videoclips unterbrochen, die allesamt auch wieder ihren ganz eigenen Charme und Stil haben. Ein ganz besonderes Highlight ist das Schattenspiel, das im Zeichen der Virtual Reality steht und hinter der Bühne durch verschiedene Lichtquellen von Overheadprojektoren eine Vielzahl an visuellen Tricks und Kniffen erlaubt, mit denen die Künstler mit allen Regeln der Schattenspielkunst Bilder erzeugen, die uns Zuschauer*innen durch die tolle Musik, die vielen Farben und das präzise Timing verzückt und in eine bunte Traumwelt entführt.

Die Leser*innen merken es: Der Autor dieses Textes hat sich zur Vorstellung selbst keinen roten Faden mitgebracht und tut sich schwer, ob der Darstellungsvielfalt des Stückes, einen solchen Faden in seine Rezension einzubauen. Und vielleicht ist eben diese bunt variierende Klaviatur der Stückgestaltung sowohl größte Stärke als auch gefährlichste Schwäche von The Last Mortal. Man ertappt sich als Zuschauer*in hin und wieder dabei, dass man eine Szene sieht, deren Konzept man schnell versteht, wonach man sodann ungeduldig auf die nächste Szene wartet, denn die Spielvielfalt des Stückes ist so gewaltig, dass man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen kann, dass es in der nächsten Szene wieder etwas gänzlich Neues zu sehen gibt. So sind wir eben, die Zuschauer*innen dieser schnelllebigen Welt, wir genießen einfach nicht mehr so manchen Moment, wir gewöhnen uns schnell und wollen dann noch schneller etwas Neues.

Und hierauf müssen sich die Zuschauer*innen eben einlassen – sich zurücklehnen, entschleunigt einfach einmal Szenen zu genießen und den Zauber wirken zu lassen!

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Foto: Christian Ahlborn

Mit The Last Mortal erfinden half past selber schuld das 2017 mit Kafka in Wonderland angebrachte Rad nicht neu, sie führen es aber ehrenhaft weiter, experimentieren, werden bissiger und trauen sich auch etwas mehr, Grenzen auszutesten. Damit schaffen sie für ihre „Wonderland Inc.“-Trilogie einen würdigen zweiten Teil. Wer also Kafka in Wonderland mochte, der wird The Last Mortal lieben. Aber auch half past selber schuld-Neueinsteigern sei The Last Mortal ans Herz gelegt. Eben dank der Episoden-Collage muss man den Vorgänger nicht gesehen haben, um nun im zweiten Teil mit zwinkerndem Auge über eine Zukunft aufgeklärt zu werden, die uns hoffentlich noch nicht allzu bald bevorsteht.

Wer nun Appetit bekommen hat auf half past selber schuld und The Last Mortal, dem empfehlen wir eine schnelle Kartenreservierung auf der Website des Theaters. Die aktuelle Produktion wird noch am 31. Januar sowie am 1., 6. und 8. Februar 2020 jeweils um 20:00 Uhr in den FFT-Kammerspielen gespielt und da half past selber schuld schon lange kein Geheimtipp mehr sind, sind Vorstellungskarten ein rar gesätes Gut.

Wir auf jeden Fall sprechen eine klare Hingehempfehlung aus und freuen uns jetzt bereits auf den dritten Teil der „Wonderland Inc.“-Trilogie.


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